Sonntag, 6. April 2014

Regen (2010)

Ich warte.

Meine Augen verfolgen einzelne Regentropfen, die vor meinem Fenster fallen.

Du sagtest mir, sich solle warten.

Das leise Rauschen des Wassers dringt dumpf an mein Ohr. Die Taubheit in meinem Inneren wird stärker und stärker, unaufhaltsam, unüberwindbar.





Ich bin hier.

Es scheint ewig her zu sein, seit die Sonne das letzte Mal schien. Mit ihr ist die Hoffnung verschwunden. Das einfache Leben ist schwer geworden. Das hätte mir klar sein müssen. Wer verdient Perfektion? Und wer hält sie aus?

Du bist so weit entfernt, beinahe unsichtbar.

Der Himmel ist schwarz geworden. Kein heiterer Horizont zu sehen. Lautlose Blitze schießen auf den Grund. Schwer ist mein Körper, doch sein sollte es mein Herz. Es ist schwerelos. Also gibt es keinen Ausweg mehr. Das Unwetter wird sich nicht auflösen.

Ich erkenne dich nicht mehr.

Langsam öffne ich das Fenster und strecke meine Hand gen Himmel. Die einzelnen Tropfen prasseln auf meine Haut, hinterlassen keinen Eindruck. Immer mehr verdichtet sich der Himmel. Ich ziehe den Arm zurück und vergessen ist das sanfte, leise Prickeln.

Ich erkenne mich nicht mehr.

Die Welt wirkt fremd, wandelt sich erst der Blick darauf. Früher riesig, nun so furchtbar klein. Die Sehnsucht loszurennen wächst mit jeder Sekunde.

Glückseligkeit, Harmonie, Idylle. Drei Begriffe, die von den meisten Menschen ersehnt, von einigen verabscheut werden. Drei Begriffe, die kaum vorstellbar sind, blickt man nach draußen. Doch manchmal darf man den Wunsch nach Beständigkeit und Zuneigung nicht vor den Verstand stellen.

Wir sind Fremde.

Die Begierde nach mehr ist gefährlich. Aber auch wenn man nicht weiß, ob die Sonne wieder scheinen wird, ob der Regen versiegt oder ob er sich in Eis verwandelt, muss man danach greifen, wenn man sich nicht selbst betrügen will.

Ich habe dich längst aus den Augen verloren.

Das Haus ist hoch, die Türen verschlossen. Es war eine schöne Idee, doch sie ging verloren. Verloren in einem der vielen Räume, die erschaffen wurden, um ein Leben aufzubauen. Die genutzt wurden, um Abstand zu vergrößern. Distanz ist das einzige, das bleibt.

Ich muss hier raus.

Also steige ich auf die Fensterbank. Der Grund ist zu tief, nicht zu sehen. Etwas klammert sich an meinen Rücken, will mich zurückziehen, mich nicht gehen lassen. Es ist schwach, wird mit der Zeit schwächer werden. Der Regen trifft mein Gesicht, macht meinen Verstand klarer.

Es ist Zeit. Du kommst doch nicht mehr.

Ich schließe die Augen, lasse mich fallen.

Und der Himmel lichtet sich.



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